Vitaminmangelzustände scheinen dennoch unter parenteraler Ernährung selten aufzutreten. Dies liegt an dem Umstand, daß man Vitaminmangelzustände haüfig nicht sehen kann, obwohl sie bereits nachteilige Folgen haben. Bei ungenügender Vitaminzufuhr kommt es zuerst zu einem allmählichen Verlust von Vitaminreserven mit Entleerung der Speicher, die meist nicht mit einfachen Mitteln meß- und erfaßbar sind. Allmählich sinkt dann erst der Vitaminspiegel im Blut ab und als Folge davon verringert sich die Ausscheidung des Vitamins im Harn. Diese Resultate kann man messen, aber dem Patienten sieht man die Mangelzustände nicht an. Schließlich verringert sich auch die Gewebskonzentration, die Plasmakonzentration und die renale Ausscheidung von Vitaminmetaboliten.
Im nächsten Stadium findet man funktionelle Störungen wie verringerte Aktivitäten vitaminabhängiger Enzyme oder auch Hormone und eine eingeschränkte Immunantwort. Daraus folgen im nächsten Stadium metabolische und morphologische Veränderungen, welche zunächst uncharakteristisch, in die klassischen Mangelsymptome münden.
Auf jeden Fall muß bedacht werden, daß Störungen im Heilungsverlauf bereits auftreten und die Überlebenschancen von Intensivpatienten verringert sein können, wenn noch keinerlei äußere Zeichen eines Vitaminmangels sichtbar sind. Zahlen über den Zeitraum bis zum Auftreten eines Vitaminmangels nach Unterbrechung der Vitaminzufuhr bei gutem Versorgungszustand liegen aus der Literatur vor:
| B12 | A | Folsäure | Ascorbinsäure | Riboflavin | B6 | Thiamin |
| 3 - 5 Jahre | 1 - 2 Jahre | 3 - 4 Monate | 1 - 2 Monate | 2 - 6 Wochen | 2 - 6 Wochen | 4 - 10 Tage |
Diese Zahlen gelten jedoch nur, wenn eine gute Vitaminversorgung vorausgesetzt werden kann.
Schon bei gesunden Gruppen der Bevölkerung werden subklinische Vitaminmangelzustände häufig gefunden. Bei der postoperativen parenteralen Ernährung oder bei der Ernährung Tumorkranker ist zusätzlich bereits eine präoperative Mangelernährung vorausgegangen, so daß sich der Patient in einem latenten Vitaminmangelzustand befindet.
Vitaminfunktionen mit besonderer Relevanz für die postoperative Ernährung:
| Vitamin | Funktion | Tagesbedarf |
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A (Retinol) |
Wundheilung; Rezeptorsynthese; Funktion der Schleimhäute (Resorption bei Übergang zu enteraler Ernährung); |
1,4 - 1,8 mg |
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B1 (Thiamin) |
Energiestoffwechsel allgemein; Herzfunktion; Nervenfunktion; bei Mangel schwere Lactatazidose |
3 - 4 mg |
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B2 (Riboflavin) |
Energiestoffwechsel |
3 - 5 mg |
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B6 (Pyridoxin) |
Wundheilung |
4 - 6 mg |
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B12 (Cobalamin) |
wie Folsäure |
1 mg i.m./3 Monate |
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C (Ascorbinsäure) |
Wundheilung; Homöostase des Cortisolspiegels; Carnitinsynthese; Arzneimittelstoffwechsel; |
100 - 300 mg |
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D (Calciferol) |
Heilung von Frakturen |
5 μg |
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E (Tocopherol) |
Radikalfänger; |
20 - 40 mg |
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K (Phyllochinon) |
Blutgerinnung; Knochenstoffwechsel |
100 - 150 μg |
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Niacin |
Energiestoffwechsel; Biosynthesen |
40 - 50 mg |
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Pantothensäure |
Nebennierenrindenfunktion (bei Mangel Insuffizienz); Fettstoffwechsel; Biotransformation (Acetylierungsreaktion) |
10 - 20 mg |
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Biotin |
T- und B-zellvermittelte Immunität; Fettsäuresynthese |
60 - 120 μg |
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Folsäure |
Zellbildung; DNS-Synthese; Wundheilung; Immunität |
160 - 400 μg |
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b -Carotin (Provitamin A) |
Radikalfänger (besonders von Singulettensauerstoff) |
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Gewinnt man aus der Anamnese und klinischen Untersuchung den Eindruck, daß eine Mangelernährung vorausgegangen ist, die zumindest latenten Vitaminmangel wahrscheinlich macht (z.B. "Alkoholanamnese"), so sollte sofort mit dem Beginn der parenteralen Ernährung Vitamine substituiert werden; bei gutem Ernährungszustand muß erst substituiert werden, wenn die parenterale Ernährung über einen Zeitraum von 5 Tagen hinaus erforderlich ist.
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