Parenterale Ernährung und Beatmung

Energiebedarf

Eine statusbezogene, adäquate Infusions- und Ernährungstherapie gehört gerade beim beatmeten Patienten aufgrund der eingeschränkten körpereigenen Kompensationsmöglichkeiten zu den wesentlichen Voraussetzungen für einen optimalen Heilungsprozeß. Selbst in kritischen Frühphasen nach einem schweren Trauma ist eine dem gemessenen Umsatz entsprechende Substratzufuhr möglich, ohne das hierdurch die Homöostase gefährdet wird.
Untersuchungen zum Ernährungsstatus von Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen haben gezeigt, daß etwa 30 bis 40 % der Patienten unterernährt sind, und daß mit einem Gewichtsverlust eine erhöhte Inzidenz von Morbität und Mortalität assoziiert ist.
Mit dem Gewichtsverlust ist eine Katabolie der Atemmuskulatur eng assoziert. Bei einem mittleren Körpergewichtsverlust von 32 % kann es in der Regel zu einer Abnahme der Zwerchfellmasse um 43 % kommen. Von der Katabolie werden die schnell kontrahierenden, oxidativ/glykolytischen Fasertypen IIA und IIB stärker betroffen, als der langsamere Typ I. Mit der Abnahme an Muskelmasse verliert das Zwerchfell an Kontraktilität. Ferner verschlechtert sich die Vitalkapazität, wobei es bei einem Kontraktilitätsverlust des Zwerchfells um 37 % zu einer Verminderung der Vitalkapazität von 63 % kommen kann.
Auch bedingt Mangelernährung eine insuffiziente Protein- und Kollagensynthese mit eingeschränkten Regenerations- und Reparationsvorgängen in der Lunge, woraus längere Regenerationsphasen nach ARDS/MOV resultieren.. Auch ein Mangel an Surfactant kann hieraus entstehen, woraus ein Anstieg der Oberflächenspannung in den Alveolen mit einer Abnahme der Lungencompliance und zunehmender Atemarbeit folgen kann.
Mangelernährung vermindert zusätzlich die Zahl und Funktion von T-Lymphozyten und Interleukinen, wodurch eine Verminderung der Immunität der Patienten bedingt ist; die Inzidenz pulmonaler Infektionen steigt.

In den vergangenen Jahren verlagerte sich die Ernährung von Intensivpatienten von der parenteralen Substitution zur frühen enteralen Ernährung, teilweise ergänzt durch eine minimale parenterale Gabe.
Green zeigte 1995, wie unter Einhaltung gängiger Regeln zur Ernährung nur 3 von 35 Patienten das gesetzte Energie-Limit erreichten, bzw. 4 von 35 Patienten die erwünschte Stickstoff-Zufuhr erhielten.
Die Untersuchungen von Jones (1996) zeigten die Probleme der enteralen Ernährung sehr gut auf: in vielen Fällen ist die enterale Ernährung um 10 bis 15 % schlechter als die parenterale Ernährung. Bedenkt man die Voraussetzung, die die großen Multi-Center-Studien zur enteralen Ernährung erhoben hatten, um einen positiven Effekt gegenüber der parenteralen Ernährung zu haben, nämlich eine ausreichende Ernährung, ist das Ergebnis nicht verwunderlich.
Die enterale Ernährung sollte so früh wie möglich eingesetzt werden, um die positiven Effekte bzgl. der Pathophysiologie des Magen-Darm-Traktes zu erzielen. Vielfach wird darüber jedoch vergessen, daß für diese Effekte keine vollständige enterale Ernährung notwendig ist.
Wichtigstes Ziel sollte eine ausreichende Ernährung sein. Diese kann auch eine Kombination aus enteraler und parenteraler Ernährung darstellen.
Idealerweise wird der Bedarf bettseitig über die indirekte Kalorimetrie gemessen; näherungsweise kann der Bedarf auch rechnerisch abgeschätzt werden.

nach obenZum Dokumentkopf
weiternächstes Kapitel
weitervoriges Kapitel