Das akute Nierenversagen

Als akutes Nierenversagen (ANV) wird der plötzliche, im Prinzip reversible, durch ein vom Organ unabhängiges Ereignis ausgelöste Ausfall sämtlicher inkretorischer und exkretorischer Funktionen beider Nieren bezeichnet. Kennzeichnend ist das rasche Fortschreiten der Niereninsuffizienz bei vorher normaler Nierenfunktion. Entscheidendes diagnostisches Kriterium ist die rasche Abnahme der glomulären Filtrationsrate, welche bei völligem sistieren zum Anstieg der Serumkreatininkonzentration um 2 bis 3 mg/dl/die führt.

Diagnose des akuten Nierenversagens (ANV), des sekundären Hyperaldosteronismus (sHYP) und der primär tubulären Niereninsuffizienz (tbNI)

Parameter

Einheit

Normal

ANV

sHYP

tbNI

Formel

Serum:

 

 

 

 

 

 

Kreatinin

mg/dl

< 2,0

> 2,0

 

 

 

Harnstoff

mg/dl

< 50

> 50

 

 

 

Osmolalität

mosmol/l

270 - 310

> 310

 

< 270

 

Harn:

 

 

 

 

 

 

Volumen

ml/die

800 - 6 000

< 800 / > 6 000

 

 

 

Kreatinin

mg/dl

> 20

< 20

 

 

 

Errechnet:

 

 

 

 

 

 

Kreat.Clearance

ml/min/m2

> 18

< 18

 

 

[H-Krea * H-Vol]

S-Krea * Zeit * KOF

Kreat.-Quotient

 

> 20

< 20

 

 

H-Krea / S-Krea

Osmol.-Quotient

 

> 1,2

< 1,2

 

 

H-Osm / S-Osm

Harn-Na/K-Quot.

 

1,2 - 4,0

< 1,2 / > 4,0

< 1,2

> 4,0

H-Na / H-K

frakt. Na.-Exkret.

%

0,7 - 2,0

> 2,7

< 0,7

> 2,7

[H-Na * S-Krea * 100

S-Na * H-Krea

Nierenvers.-Index

 

1,0 - 3,0

> 3,0

< 1,0

> 3,0

H-Na * S-Krea
H-Krea

Frei-H2O-Clear.

ml/h/m2

-18 - -87

> -18

 

 

H-Vol * (S-Osm - H-Osm)

24 * S-Osm * KOF

Hst.Prod.Rate

g/die

8 - 50

 

 

 

[H-Vol * H-Hst] / 100 000
+ D Hst * kg * 0,0057

mit: H = Harn, S = Serum, Krea = Kreatininwert, Vol = Menge, KOF = Körperoberfläche, Osm = Osmolalität

Die verschiedenen Parameter der Nierendiagnostik haben in Bezug auf ihre Spezifität, ihre Sensibilität und ihre Validität gegenüber dem ANV eine unterschiedliche Aussagestärke:

Parameter

Korrelation

Sensibilität

Spezifität

Validität

Serum -Kreatinin

69,9

61,3

99,5

18,3

Serum - Harnstoff

39,4

92,4

45,7

8,8

Serum -Osmolalität

31,8

41,7

64,1

28,9

Harn - Volumen

44,8

37,7

96,6

28,7

Harn -Kreatinin

58,4

60,0

93,9

21,6

Kreatinin -Clearance

86,9

92,4

93,9

4,9

Kreatinin -Quotient

90,9

91,9

98,1

5,0

Osmolaler - Quotient

76,7

81,9

93,6

9,8

Harn -Na/K - Quotient

24,1

60,6

64,4

26,1

Nierenversagen -Index

55,3

88,2

68,3

10,0

Frei - H2O - Clearance

71,3

88,9

84,5

6,8

Harnstoff-Produktions-Rate

22,9

12,3

67,2

44,4

Die Oligurie ist ein häufiges, aber nicht obligates Zeichen des akuten Nierenversagens; unterschieden werden muß zwischen funktioneller Oligurie und ANV.

 

funktionelle Oligurie

ANV

spez. Gewicht Urin

> 1025

< 1015

Osmolalität im Urin

> 1000

< 600

Harnstoff im Urin

> 1 g/100 ml

< 1 g/100 ml

Natrium im Urin

< 30 mval/l

> 35 mval/l

Urin/Plasma-Harnstoff-Quotient

> 10

< 5

Abschätzen der Kreatinin-Clearance (Cl) bei Intensivpatienten:

Algorithmus

für Männer

für Frauen

absoluter Fehler

prozentualer Fehler

Dettli, 1983

[150 - A] * 1,1 * G

SK * 88,4

ClMänner * 0,82

20,2

7,2 ± 32

Cockcroft, 1976

[140 - A] * G

SK * 72

ClMänner * 0,85

20,9

9,0 ± 33

mit: A = Alter, G = Körpergewicht in KG, SK = Serum-Kreatinin in mg %

Das ANV wird eingeteilt in:

Ursachen für das akute Nierenversagen:

  1. Prärenal ausgelöstes ANV
    1. zirkulatorische Ursachen
      1. Hypovolämisch
      2. Hypotensiv
      3. Kardial
    2. toxische Ursachen
      1. endogene Toxine
      2. exogene Toxine (Arzneimittel, besonders: Antibiotika, Zytostatika)
      3. immunologische Ursachen (Transfusionszwischenfall, anaphylaktische/allergische Ursachen
  2. Renales ANV
    1. glomeruläre Erkrankungen (Glomerulonephritis, Schönlein-Henochsche Purpura, hämolytisch- urämisches Syndrom
    2. interstitielle Erkrankungen (Nephritis, Leptospirose, Pyelonephritis)
    3. vaskuläre Veränderungen (Eklampsie, immunologische Systemerkrankungen, z. B. Lupus erythematodes, Sklerodermie, beidseitiger Verschluß der Nierengefäße)
    4. tubuläre Verstopfungen (Urate bei Gicht und zytostatischer Behandlung, Sulfonamide, Dursten bei Myelomniere)
    5. Entfernung einer Einzelniere
  3. Postrenales ANV
    1. Nierentumore
    2. Ureterverschlüsse (Steine, Tumore, Fibrosen, Blut, Ligaturen)
    3. Ureterdurchtrennung (traumatisch, chirurgisch)
    4. Blasenstörungen (funktionell, morphologisch)
    5. Prostatavergrößerung
    6. Harnröhrenveränderungen

Als Prophylaxe für die Entwicklung eines ANV gilt:

  1. Verzögerung der unvermeidbaren, ischämiebedingten Azidose und Vermeidung kritisch tiefer pH-Werte
  2. Maßnahmen zur Steigerung der renalen Perfusion, bzw. Erhaltung der Volumenregulation aller Zellen
  3. Volumensubstitution (ZVD 6 - 8 cm H2O)
  4. Dobutamin (Steigerung der Kreatinin-Clearance)
  5. Kontrolle der Serum-Elektrolyte (besonders Na+ im oberen Normbereich halten)
  6. Low-dose-Heparinisierung
  7. Alkalisierung des Harns bei Vorliegen von Uratverstopfung, bzw. Zystinurie
  8. Vermeidung nephrotoxischer Substanzen
  9. bei drohendem ANV: atriales natriuretisches Peptid 3 µg/kg Körpergewicht/h zur Prophylaxe
  10. Optimierung anaerob nutzbarer Energiereserven und Minimierung des Energiebedarfs durch reversibles Abschalten äußerer Arbeitsprozesse (z.B. Beatmung)

Die Anamnese und klinische Untersuchung steht auch bei der Diagnose des ANV mit an erster Stelle. Hinweise auf eine Sepsis oder auch nephrotoxische Medikamente können die Ursache des ANV aufzeigen.
Die sonographische Untersuchung sollte am Anfang der Diagnostk stehen, da hier postrenale Ursachen erkennbar sind. Hingegen unterscheidet sich das sonographische Bild eines renalen Nierenversagens oftmals nicht von einem prärenalen Nierenversagen.
Laboruntersuchungen geben Anhalt über das Stadium des ANV, berichten über den Verlauf der Therapie und liefern Hinweise auf die mögliche Ursache des ANV.
Bei Verdacht auf vaskuläre Erkrankungen der Niere mit entsprechender Minderperfusion der Nieren gibt die Nierenperfusionsszintigraphie Aufschluß.
Zur Verlaufskontrolle sollten einige Untersuchungen regelmäßig durchgeführt werden:

Labor

Flüssigkeitsbilanz

Radiologie

Monitorring

Harnstoff, Kratinin, Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Säure-Basen-Status, Blutgasanalyse

Ein- und Ausfuhr, Körperkerntemperatur, Körpergewicht,
zentraler Venendruck

Thoraxröntgen zum Ausschluß eines interstitiellen Ödems

RR-Monitorring, Herzfrequenz, EKG, Atmung, Temperatur

Stadien des akuten Niereninsuffizienz:

Stadium

Symptome

Labor

I

eingeschränkte Leistungsbreite

keine

GFR 90 - 50 ml/min;
Kreatinin < 124 µmol/l

II

mäßige Insuffizienz

Leistungsfähigkeit reduziert, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schlaflosigkeit; Proteinurie, Hämaturie

GFR 50 - 21 ml/min; Harnstoff 9 - 27 mmol/l, Kreatinin 124 - 660 µmol/l, Elektrolytverschiebungen im Serum; Polyurie

III

ausgeprägte Insuffizienz

Leistungsfähigkeit stark reduziert, bettlägerig, Übelkeit, Erbrechen, evtl. Durchfälle; evtl. Polyneuropathie

GFR 20 - 5 ml/min; Harnstoff 27 - 43 mmol/l; Kreatinin 440 - 1060 µmol/l; Elektrolytverschiebungen; Azidose; Polyurie

IV

terminale Niereninsuffizienz

Bettlägerig, Übelkeit, Erbrechen, Gastroenterokolitis, Perikarditis; zerebrale Erscheinungen; Polyneuropathie

GFR <5 ml/min; Harnstoff > 43 mmol/l; Kreatinin > 1060 µmol/l; schwere Azidose; Elektrolytverschiebungen; Oligurie

Therapie:
  1. Ursachenbekämpfung
  2. Flüssigkeitsbilanzierung:
    1. Exsikkose:
      • großzügige Substitution
    2. Uuml;berwässerung:
      • Volumenrestriktion
      • NaCl-Restriktion
      • Ultrafiltration
  3. Kreislaufstabilisierende Maßnahmen
    1. vermeiden der arteriellen Hypertonie
      (auch der milden oder mittelschweren, WHO-Definition)
    2. diastolischer RR < 90 mm Hg halten
    3. bei RR-senkenden Medikamenten ACE-Inhibitoren bevorzugen
      (spezifischer nephroprotektiver Effekt)
    4. Dehydration vermeiden
  4. Serumelektrolytkontrollen:
    1. Na < 128 mmol/l:
      • Verminderung der Ausscheidungsleistung
    2. Na < 118 mmol/l:
      • Veränderung der täglichen Natriumbilanz nicht mehr als 10 mmol/l
      • CAVH/CVVH, Dialyse zur Entgiftung
    3. Cave: Anstieg des Serum-Chlorid: ( metabolische PH-Entgleisungen)
    4. Cave: Hyperkaliämie

    Antidot

    Wirkungsmechanismus

    Dosierung

    Wirkungseintritt

    Wirkdauer

    Ca-Glukonat 10%

    Antagonisierung der card. Wirkungen

    10 ml über 5 - 10 min

    1 - 3 min

    30 - 60 min

    b 2-Mimetika
    (Salbutanol)

    vermehrter intrazellulärer Einbau von K+

    0,5 mg Salbutanol

    schnell

     

    Natriumbikarbonat

    wie 2

    50 - 100 mmol

    5 - 10 min

    ca. 2 h

    Glukose + Insulin

    wie 2

    50 g Glukose + 20 I.E. Alt-Insulin

    30 min

    3 - 6 h

    Schleifendiuretika

    forcierte tubuläre Kaliurese

    Furosemid 40-80mg

    sofort

    n. diur. Wirkung

    Natrium-Polystyrensulfonat

    Austauschharz

    50 - 100 g Sorbit

    1 - 2 h

    3 - 6 h

  5. Azidosetherapie:
    1. Na-Defizit: - Natriumbicarbonat
    2. Na-Überschuß: - Tris-Puffer (THAM)
  6. Katecholamine
    1. Dopamin zur besseren Nierendurchblutung,
    2. Dobutamin (zur Anhebung der Kreatinin-Clearance)
  7. Volumenersatz:
    1. ZVD < 12 - 14 cm H2O
    2. Pulmonalisverschlußdruck < 15 - 18 cm H2O
    3. nicht mehr als 500 ml über Gesamtausfuhr/die
  8. Nierenunterstützung
    1. Furosemid (Senkung des O2-Verbrauchs in der Nierenzelle; zu früher Einsatz bei Dehydration kann die Niere schädigen)
    2. Etacrynsäure zur Unterstützumg der Ausscheidung, wenn Furosemid nicht mehr greift (wird durch das Blut und nicht durch den Primärharn zur Henleschen Schleife gebracht)
    3. Dopamin in Nierendosierung
    4. atriales natriuretisches Peptid (ANP); 3,0 µg/kg Körpergewicht/h; ist eher zur Prophylaxe geeignet denn zur Therapie eines manifesten ANV
  9. Nierenersatztherapie
    1. intermittierende Hämodialyse
    2. CVVH/CAVH Therapie bzw. CVVHD
Unter der extrakorporalen Ersatztherapie scheint die CVVH der intermittierenden Dialyse überlegen zu sein. Die Untersuchungen von Kierdorf (1994) weisen zumindest darauf hin:

 

CVVH

intermittierende Hämodialyse

Patientenzahl

73

73

Alter

58

57

Ätiologie chirurgisch

56

53

internistisch

17

20

Multiple-Organ-Failure-Score*

10,1 ± 4,8

10,6 ± 5,0

Range

7 - 14

6 - 14

Letalität

78,1 %

93,1 %

* Einteilung nach Goris

Gelingt es nicht das akute Nierenversagen zu durchbrechen, durchläuft die Erkrankung eine Entwicklung, welche zur besseren Orientierung in vier Krankheitsstadien gegliedert wird:

Stadium

Dauer

Symptome

Schädigung

Stunden bis Tage

extrarenale Grundkrankheit, Schock, Nephrotoxine

Oligurie

9 bis 11 Tage

Proteinurie, Hämaturie, Zylindrurie, Isosthenurie

Polyurie

2 bis 3 Wochen

Hyposthenurie, Leukozyturie (Bakteriurie)

Restitution

Wochen bis Monate

gestörte Partialfunktion, evtl. Defektheilung

Die Prognose des ANV war vor der Einführung der Hämodialyse durch Kolff ausgesprochen schlecht: Letalitäts-raten von 80 bis 95 %.
Durch die Einführung der Hämodialysebehandlung zu Beginn der 50er Jahre sank die Letalitätsrate auf 30 bis 40% und ist jetzt wieder zu Beginn der 90er Jahre auf 50 bis 80 % angestiegen.
Die verbesserte Schockprophylaxe und die moderne Intensivmedizin führten dazu, daß ein ANV heute seltener auftritt, aber wenn es auftritt, weist es wegen der höheren Zahl nichtrenaler Organerkrankungen eine höhere Letalität auf.
Das ANV ist heute eher eine Folge schwerster Erkrankungen mit septischen Krankheitsverlauf; hierin liegt auch die wesentliche Ursache für den Anstieg der Letalität des ANV:

— Das ANV als Bestandteil des Multi-Organ-Versagens. —

Bei Ausfall von drei oder mehr Organfunktionen (z.B. Niere, Lunge und Hämapoetisches System) erreicht die Letalität über 90 %.
Die Zahl gut beherrschbarer - sogenannter "unkomplizierter Nierenversagen", z.B. nach Kontrastmittelgabe - hat im Vergleich zum postoperativen und/oder posttraumatischen Nierenversagen abgenommen.

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